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Unsinn auch beim Freisinn

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Fremdschämen habe ich aus meinem Vokabular gestrichen, denn bei genauer Betrachtung ist das etwas, das gut tönt, aber für den Rest ein Unsinn ist. Schämen brauche ich mich dann, wenn ich etwas Schlechtes zu verantworten habe oder wenn mir etwas Peinliches unterlaufen ist, das ich hätte vermeiden können. Wieso ich mich aber stellvertretend für jemanden andern schämen soll, ist nicht einsehbar, außer es liegt mir an einem altruistischen Auftritt. Dort, wo ich es nicht zu verantworten habe, brauche ich mich wirklich nicht zu schämen.

Aber ärgern darf man sich schon. Und das geht mir zurzeit so, wenn ich mir ansehe, was meine eigene schweizerische Partei im Wahlkampf für Unsinn produziert. Aus der nicht ganz kleinen Sammlung, die sich bei mir in den letzten Monaten ergeben hat, will ich einmal einige der jüngsten Beispiele aus Facebook vorstellen und kurz kommentieren.

Am 14.09.2019 wird Yasmine Bourgeois-Strasser, Nationalratskandidatin im Kanton Zürich, mit dem Statement Yasmine will unsere #Heimat weiterbringen, denn sie weiss: Wohlstand, Freiheit und Sicherheit sind nicht selbstverständlich. Und wie willst Du die Schweiz weiterbringen?
Und am 18.09.2019 folgt Sussi Hodel, Nationalratskandidatin im Kanton Zug, mit: Sussi ist IT-Expertin für Datensicherheit und bringt so den technologischen Wandel in der Schweiz voran. Wie bringst Du die Schweiz weiter?

„… für Datensicherheit und bringt so den technologischen Wandel in der Schweiz voran“ gehört nun zum inhaltlich Bescheidenen. Wer Datensicherheit – eine wichtig Aufgabe in der IT! – bearbeitet, der ist im Nachvollzug und ist ganz sicher nicht an der Front des technologischen Wandels. Er oder sie hat die Aufgabe, sicherzustellen, daß beim technologischen Fortschritt nicht elementare Aspekte übersehen oder eventuell sogar bewußt beiseite geschoben werden!

Diese Duzerei im Facebook ist Jungmädchenzeug und steht allen Kandidatinnen (und auch Kandidaten) der FDP sehr schlecht an. Wir reden immer davon, daß wir die Würde und die Selbstbestimmung der Menschen achten. Dann hat man nicht das Recht, andere, einem völlig unbekannte Leute einfach zu duzen. Das möchte ich dann schon noch mitbestimmen können, wer mit mir per Du verkehrt. Das gilt auch für eine Art Passiv-Duzerei, indem man selbst mit dem Vornamen auftritt. Ich will jedenfalls nicht von jeder Tussi-Sussi einfach per Du angesprochen werden; und erst recht nicht, wenn sie noch für das Bundesparlament kandidiert.

Die blöden Fragesätzchen am Schluß sind eine Anbiederung an die schon fast widerliche Fernsehwerbung einer Firma, die Apparate verkauft, mit denen man sein Leitungswasser mit Kohlensäure aufblasen kann. Ein nuschelndes Mädchen, Imagetyp Greta, fragt dort am Schluß in provokativem Ton: „Und was tuesch tu für d Umwält?“ Diese Fragesätzchen sind sogar mehr als eine plumpe Anbiederung an diese Werbung, es ist schon fast eine copyright-Verletzung.

Die FDP Schweiz selbst postete am 13.09.2019 den folgenden, tiefschürfenden Vers ins Facebook:
Wille ist der Ursprung von Veränderung, Fortschritt und Erfolg. Die Schweiz will weiter  –  und Du? FDP wählen am 20. Oktober. Gemeinsam machen wir es möglich. 

Es ist nicht der erste oberflächliche FDP-Spruch, der den Anspruch erwecken will, man habe bei der FDP eben tiefere Einsichten. Der Spruch ist einfach falsch. Der Ursprung von Veränderung und Fortschritt ist Notwendigkeit und Einsicht. Daraus sollte das Ziel (!) gewonnen werden. Erst dann kommt der Wille. Nämlich der Wille, jenen Weg zu gehen, mit dem man das Ziel erreichen kann. Erst dann ist man bei Veränderung angelangt. Ob die Veränderung auch ein Fortschritt ist, kann erst im Rückblick wirklich beurteilt werden. Und selbst dann bleibt noch offen, ob es ein Erfolg wird.

Wille ist kein Ursprung von Veränderung. Er kann es logisch allein schon deshalb nicht sein, weil Wille auch für jenen unabdingbar ist, der die Bewahrung dem Verändern entgegensetzt.

Die FDP, die immer die Partei der klugen Köpfe sein will und sich gerne als Wirtschaftspartei gibt, sollte ganz rasch mit solchen pseudoklugen Sprüchen aufhören. Sie zeigt damit bloß, daß auch bei der FDP, wie bei anderen Parteien, Marketing viel wichtiger ist als Nachdenken. Aber vielleicht reicht’s halt auch einfach nicht mehr zum Nachdenken – ich meine das nicht in bezug auf die verfügbare Zeit.

Schon am 6. September flötete die Partei, die wesentlich zum Aufbau des Bundesstaates beigetragen und ihn auch vorwärtsgebracht hatte:
Die FDP ist die einzige fortschrittliche und lösungsorientierte Kraft der Schweiz. Wir setzen auf die Chancen der Zukunft. Wir kämpfen für die #Willensgeneration.

Da muß ich mich einfach fragen, welcher freisinnige Pseudophilosoph hat wohl den Mumpitz mit der Willensgeneration erfunden?

Schon die ganze Kampagne mit Ich will ist doch im Widerspruch zur Losung Gemeinsam weiterkommen. Als ich dieses Motto zum ersten Mal mitbekam, hatte ich noch echte Freude, ich stand unter dem Eindruck, jetzt hat man bei der FDP Schweiz wirklich etwas begriffen. Aber nein, es kam anders, es kam die Demonstration, daß sie den eigenen Leitsatz nicht begriffen hat. Denn wer Ich will sagt, der will es ja selbst und ist gar nicht daran interessiert, es gemeinsam zu tun, denn das hieße ja, auch einen Erfolg zu teilen. Die FDP Schweiz hätte ihren eigenen Wahlspruch halbwegs begriffen, wenn zum Gemeinsam weiterkommen ein Wir wollen hinzugefügt worden wäre.

Wer eine Willensgeneration erfindet und propagiert, der propagiert die Egoisten und die Egozentriker. Wer Willensgeneration mit Ich will propagiert, der tritt exakt dafür ein, daß es nicht um gemeinsam geht, sondern um das Partikulare.

Im übrigen kann man bei genauer Betrachtung keine Willensgeneration ausmachen. Wir sind doch zurzeit von der YOLO-Generation dominiert, der You only live once – Generation, die immer alles haben muß  –  und zwar bitte sofort.

Die neu selbsternannte Klimaschutzpartei hätte aus meiner Sicht schon von selbst darauf kommen müssen, daß genau diese YOLO-Haltung zum verschwenderischen Umgang mit Ressourcen entscheidend beiträgt. Ganz nach den drei Mottos:

„wär sy mr denn?“,
„mr kenne n is das laischte“ und
„me gennt sich suscht jo nit“.

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