Chirsipfäffer

Zum Zeitgeschehen

24-02-2020
von Rudolf Mohler
1 Kommentar

Eine neue Verantwortung

Am 12. Februar 2020 wurde ich vom Stiftungsrat der Luftseilbahn Reigoldswil – Wasserfallen zum neuen Präsidenten gewählt. In dieser Aufgabe folge ich auf den langjährigen Präsidenten Peter Meier, früherer Kantonsgerichtspräsident unseres Kantons. Mit Dankbarkeit und großem Respekt schaue ich auf die Arbeit und das Engagement von Peter Meier.

Es ist eine Aufgabe im Freiwilligenbereich, denn unsere Luftseilbahn ist darauf angewiesen, daß die Stiftungsräte ehrenamtlich mitwirken. Persönlich bin ich der Region und der Luftseilbahn seit meiner Bubenzeit verbunden, denn mein Großvater mütterlicherseits war ein gebürtiger Lauwiler (e Loueler). Er hat mich sehr oft mitgenommen, um in großen Wanderungen das Gebiet zu erkunden und auch Bekannte und Verwandte zu besuchen. Seit November 1999 bin ich im Stiftungsrat und habe mich stets für das Wohlergehen dieser besonderen und einmaligen touristischen Einrichtung auf der Juranordseite eingesetzt.

Im Sinne einer gut ausbalancierten Verteilung der Aufgaben, haben mich die Mitglieder des Stiftungsrates gebeten, die Nachfolge von Peter Meier anzutreten. Nach gründlicher Prüfung habe ich mit Überzeugung zugesagt und freue mich auf diese neue Aufgabe, in die mich der Stiftungsrat einstimmig gewählt hat.

Hier findet sich die Medienmitteilung der Stiftung LRW

25-11-2019
von Rudolf Mohler
Keine Kommentare

Zur Ständeratswahl im Baselbiet

Der neuen Baselbieter Ständerätin Maya Graf (Grüne, links im Bild) gratuliere ich zum Einzug in die kleine Kammer und wünsche ihr das gute Augenmaß, um als alleinige Vertreterin unseres Kantons eine ausgewogene Politik zu treiben. Dieser Kanton läuft nämlich politisch anders, was gerade der heutige Wahltag mit der nebenher ebenfalls erfolgten Abstimmung zur Steuervorlage 17 wieder gezeigt hat.


Eine weitere, herzliche Gratulation geht an Daniela Schneeberger (FDP, rechts im Bild): Sie hat einen großartigen Wahlkampf hingelegt und vom ersten zum zweiten Wahlgang auch massiv dazu gewonnen. Schade ist einfach, daß es nicht zum Gewinn des Ständeratsmandates gereicht hat. Ihr Stimmenanteil hat in den vergangenen fünf Wochen von 34,5 % um 13.1 Prozentpunkte auf 47.6 % zugenommen. Toll! 👍

Daniela Schneeberger geht gestärkt nach Bern  –  halt wie bisher in den Nationalrat. Dafür wünsche ich ihr weiterhin allen Erfolg.

18-09-2019
von Rudolf Mohler
Keine Kommentare

Unsinn auch beim Freisinn

Fremdschämen habe ich aus meinem Vokabular gestrichen, denn bei genauer Betrachtung ist das etwas, das gut tönt, aber für den Rest ein Unsinn ist. Schämen brauche ich mich dann, wenn ich etwas Schlechtes zu verantworten habe oder wenn mir etwas Peinliches unterlaufen ist, das ich hätte vermeiden können. Wieso ich mich aber stellvertretend für jemanden andern schämen soll, ist nicht einsehbar, außer es liegt mir an einem altruistischen Auftritt. Dort, wo ich es nicht zu verantworten habe, brauche ich mich wirklich nicht zu schämen.

Aber ärgern darf man sich schon. Und das geht mir zurzeit so, wenn ich mir ansehe, was meine eigene schweizerische Partei im Wahlkampf für Unsinn produziert. Aus der nicht ganz kleinen Sammlung, die sich bei mir in den letzten Monaten ergeben hat, will ich einmal einige der jüngsten Beispiele aus Facebook vorstellen und kurz kommentieren.

Am 14.09.2019 wird Yasmine Bourgeois-Strasser, Nationalratskandidatin im Kanton Zürich, mit dem Statement Yasmine will unsere #Heimat weiterbringen, denn sie weiss: Wohlstand, Freiheit und Sicherheit sind nicht selbstverständlich. Und wie willst Du die Schweiz weiterbringen?
Und am 18.09.2019 folgt Sussi Hodel, Nationalratskandidatin im Kanton Zug, mit: Sussi ist IT-Expertin für Datensicherheit und bringt so den technologischen Wandel in der Schweiz voran. Wie bringst Du die Schweiz weiter?

„… für Datensicherheit und bringt so den technologischen Wandel in der Schweiz voran“ gehört nun zum inhaltlich Bescheidenen. Wer Datensicherheit – eine wichtig Aufgabe in der IT! – bearbeitet, der ist im Nachvollzug und ist ganz sicher nicht an der Front des technologischen Wandels. Er oder sie hat die Aufgabe, sicherzustellen, daß beim technologischen Fortschritt nicht elementare Aspekte übersehen oder eventuell sogar bewußt beiseite geschoben werden!

Diese Duzerei im Facebook ist Jungmädchenzeug und steht allen Kandidatinnen (und auch Kandidaten) der FDP sehr schlecht an. Wir reden immer davon, daß wir die Würde und die Selbstbestimmung der Menschen achten. Dann hat man nicht das Recht, andere, einem völlig unbekannte Leute einfach zu duzen. Das möchte ich dann schon noch mitbestimmen können, wer mit mir per Du verkehrt. Das gilt auch für eine Art Passiv-Duzerei, indem man selbst mit dem Vornamen auftritt. Ich will jedenfalls nicht von jeder Tussi-Sussi einfach per Du angesprochen werden; und erst recht nicht, wenn sie noch für das Bundesparlament kandidiert.

Die blöden Fragesätzchen am Schluß sind eine Anbiederung an die schon fast widerliche Fernsehwerbung einer Firma, die Apparate verkauft, mit denen man sein Leitungswasser mit Kohlensäure aufblasen kann. Ein nuschelndes Mädchen, Imagetyp Greta, fragt dort am Schluß in provokativem Ton: „Und was tuesch tu für d Umwält?“ Diese Fragesätzchen sind sogar mehr als eine plumpe Anbiederung an diese Werbung, es ist schon fast eine copyright-Verletzung.

Die FDP Schweiz selbst postete am 13.09.2019 den folgenden, tiefschürfenden Vers ins Facebook:
Wille ist der Ursprung von Veränderung, Fortschritt und Erfolg. Die Schweiz will weiter  –  und Du? FDP wählen am 20. Oktober. Gemeinsam machen wir es möglich. 

Es ist nicht der erste oberflächliche FDP-Spruch, der den Anspruch erwecken will, man habe bei der FDP eben tiefere Einsichten. Der Spruch ist einfach falsch. Der Ursprung von Veränderung und Fortschritt ist Notwendigkeit und Einsicht. Daraus sollte das Ziel (!) gewonnen werden. Erst dann kommt der Wille. Nämlich der Wille, jenen Weg zu gehen, mit dem man das Ziel erreichen kann. Erst dann ist man bei Veränderung angelangt. Ob die Veränderung auch ein Fortschritt ist, kann erst im Rückblick wirklich beurteilt werden. Und selbst dann bleibt noch offen, ob es ein Erfolg wird.

Wille ist kein Ursprung von Veränderung. Er kann es logisch allein schon deshalb nicht sein, weil Wille auch für jenen unabdingbar ist, der die Bewahrung dem Verändern entgegensetzt.

Die FDP, die immer die Partei der klugen Köpfe sein will und sich gerne als Wirtschaftspartei gibt, sollte ganz rasch mit solchen pseudoklugen Sprüchen aufhören. Sie zeigt damit bloß, daß auch bei der FDP, wie bei anderen Parteien, Marketing viel wichtiger ist als Nachdenken. Aber vielleicht reicht’s halt auch einfach nicht mehr zum Nachdenken – ich meine das nicht in bezug auf die verfügbare Zeit.

Schon am 6. September flötete die Partei, die wesentlich zum Aufbau des Bundesstaates beigetragen und ihn auch vorwärtsgebracht hatte:
Die FDP ist die einzige fortschrittliche und lösungsorientierte Kraft der Schweiz. Wir setzen auf die Chancen der Zukunft. Wir kämpfen für die #Willensgeneration.

Da muß ich mich einfach fragen, welcher freisinnige Pseudophilosoph hat wohl den Mumpitz mit der Willensgeneration erfunden?

Schon die ganze Kampagne mit Ich will ist doch im Widerspruch zur Losung Gemeinsam weiterkommen. Als ich dieses Motto zum ersten Mal mitbekam, hatte ich noch echte Freude, ich stand unter dem Eindruck, jetzt hat man bei der FDP Schweiz wirklich etwas begriffen. Aber nein, es kam anders, es kam die Demonstration, daß sie den eigenen Leitsatz nicht begriffen hat. Denn wer Ich will sagt, der will es ja selbst und ist gar nicht daran interessiert, es gemeinsam zu tun, denn das hieße ja, auch einen Erfolg zu teilen. Die FDP Schweiz hätte ihren eigenen Wahlspruch halbwegs begriffen, wenn zum Gemeinsam weiterkommen ein Wir wollen hinzugefügt worden wäre.

Wer eine Willensgeneration erfindet und propagiert, der propagiert die Egoisten und die Egozentriker. Wer Willensgeneration mit Ich will propagiert, der tritt exakt dafür ein, daß es nicht um gemeinsam geht, sondern um das Partikulare.

Im übrigen kann man bei genauer Betrachtung keine Willensgeneration ausmachen. Wir sind doch zurzeit von der YOLO-Generation dominiert, der You only live once – Generation, die immer alles haben muß  –  und zwar bitte sofort.

Die neu selbsternannte Klimaschutzpartei hätte aus meiner Sicht schon von selbst darauf kommen müssen, daß genau diese YOLO-Haltung zum verschwenderischen Umgang mit Ressourcen entscheidend beiträgt. Ganz nach den drei Mottos:

„wär sy mr denn?“,
„mr kenne n is das laischte“ und
„me gennt sich suscht jo nit“.

20-06-2019
von Rudolf Mohler
Keine Kommentare

30 Jahre herausragend

Restaurant La Pyramide in Vienne, Frankreich

Ende Juni 2019 dürfen Patrick und Pascale Henriroux ihr dreißigjähriges Jubiläum auf dem Restaurant La Pyramide in Vienne feiern. Dieses dreißigjährige Jubiläum ist auch ein bißchen unser eigenes Jubiläum.

Im Restaurant La Pyramide in Vienne (ca. 35 km südlich von Lyon) wirkte einst Fernand Point, eine der größten Kochpersönlichkeiten Frankreichs. Er hat den Umbruch von der alten klassischen Küche nach Escoffier zur modernen französischen Küche geschaffen und wurde damit zum Ausgangspunkt all dessen, was sich später nouvelle cuisine nannte. Seine Witwe führte das Haus bis in die 1980er Jahre und konnte das Pyramide stets in der Spitzengruppe der französischen Küchen halten. Davon konnte ich mich 1983 selbst überzeugen.

1986, nach dem Tod von Mado Point, war die Zukunft des Hauses völlig offen. Japaner beabsichtigten das Haus zu kaufen. Doch engagierte Franzosen ließen das nicht zu und stellten eine Finanzierungsgesellschaft auf die Beine, um sich des Hauses, der Geschichte und der Zukunft anzunehmen. Es wurde eine Sanierung des alten Hauses vorbereitet und der Bau eines Hotels geplant und dann auch umgesetzt. Die Suche unter den allerbesten Küchenchefs in der französischen Gastronomie für die Besetzung des wichtigsten Postens verlief ergebnislos. Vielleicht war da manchem die Persönlichkeit Fernand Points zu überragend noch präsent. Da wurde beschlossen, ganz anders vorzugehen. Jetzt suchte man einen jungen Küchenchef, der für die Fortsetzung der großen Point-Geschichte promettant war, wie das französisch heißt. Sie entschieden sich für Patrick Henriroux aus dem Restaurant La Ferme de Mougins.

Auf einer Ferienreise durch die Côte d’Azur hatten wir den jungen, hervorragenden Koch Patrick Henriroux 1987 oder 1988 in der Ferme de Mougins kennengelernt. Dieses Restaurant war eine Art Konkurrenzveranstaltung zum damals berühmten Restaurant Le Moulin de Mougins von Roger Vergé, der für seine Cuisine du Soleil mit drei Guide-Michelin-Sternen dekoriert war. Henriroux erkochte für die Ferme de Mougins im Alter von etwa 28 Jahren einen Michelin-Stern, ein weitherum beachteter Einstieg in die Spitzengastronomie. Wir waren bei unserem Besuch von dieser Küche begeistert und konnten erst noch dem hochtalentierten Koch persönlich begegnen und mit ihm reden.

Patrick Henriroux, von Herkunft ein Comtois, wurde auf das renovierte und erweiterte Traditionshaus in Vienne berufen und sollte ihm eine neue Zukunft gegeben. Die Erwartung an den neuen Chef war ganz einfach, es galt die große Geschichte des Fernand-Point-Betriebes fortzuschreiben. Das hat er nicht nur einfach erfüllt, sondern in exzellenter Weise stets weiterentwickelt. Er hat seine Küche, seinen Stil entwickelt, ohne ganz mit der Tradition Fernand Points zu brechen. Er verstand es, diese bedeutende Tradition mit ständig neuen gastronomischen Ideen harmonisch zu verbinden. Doch dann kam auch die Überzeugung Point c’est point – maintenant c’est Henriroux. In der weiteren gastronomischen Entwicklung gab es jetzt ganz klar seine Handschrift, seine Linie – doch ohne die Point-Klassiker gänzlich zu vernachlässigen. Eindrücklich, überzeugend, großartig.

Dank der Lektüre französischer Zeitungen erfuhr ich im Sommer 1989, daß er in Vienne gestartet hatte, was uns noch im Herbst des gleichen Jahres zu einer Reise in diese alte Römerstadt veranlaßte. Und in all den Jahren waren wir immer wieder im La Pyramide zu Gast und waren jedesmal aufs neue begeistert von der einfallsreichen, präzisen, frischen Küche von Henriroux. Die Erneuerung war hier stets ein Anliegen, doch nie ist sie ins Experimentalstadium oder gar in den Sauglattismus abgerutscht.

Und die Brigade im Saal unter der Leitung von Christian Allandrieu – später ergänzt und verstärkt durch Michaël Bouvier – verbreitet soviel Frohsinn und gute Laune, daß man sich wie in seiner Stammbeiz fühlt. Der Keller ist prächtig assortiert und bietet in allen Preislagen beste Qualität an Weinen. Das Hotel wurde vor wenigen Jahren komplett erneuert und entspricht auch hohen Ansprüchen an die Zimmerausstattung.

Seit 1992 ist das Pyramide ununterbrochen mit zwei Guide-Michelin-Sternen bewertet – und hätte unserem Urteil nach schon längst den dritten verdient. Auch die Gault Millau-Bewertung läßt diesen Schluß zu.

Zu dieser außerordentlichen Leistung als Spitzenkoch, als Unternehmer, als Patron und als Gastgeber kann man einfach nur gratulieren.

Ein Klick auf diese Zeile führt zu ein paar Bildern aus den Anfangszeiten und auch von heute.

 

20. Juni 2019 RM

19-05-2019
von Peter Knechtli
Keine Kommentare

Das Fischlein im Plastiksack – nach der Ozeanium-Abstimmung

Für einmal schreibe ich hier im Chirsipfäffer keinen eigenen Text, sondern veröffentliche nachstehend den Kommentar zur Ozeanium-Abstimmung von Peter Knechtli, Chefredaktor von OnlineReports  (Bild).

Treffender geht es wohl kaum. Chapeau, Peter.
RM

Ozeanium, Museum, Archiv: Reife Entscheide
Von PETER KNECHTLI

Olivier Pagan, der Direktor des Basler Zoos, ist verwundert darüber, dass die Bevölkerung ein 100 Millionen-Geschenk in Form eines Ozeaniums auf der „Heuwaage“ ausschlägt. Die Verwunderung ist aus seiner Optik nachvollziehbar: Wo liegt denn das Problem, wenn potente private Mäzene einen 28 Meter hohen, futuristisch anmutenden Kubus finanzieren, der mit 40 Aquarien Wundersames aus der Welt der Meerestiere präsentiert und jährlich eine halbe Million Besucher entzückt!

Das klare, wenn auch nicht überdeutliche Nein zum Bebauungsplan – darum ging es formell – ist in der Tat kein Entscheid gegen den Zolli, der zu den identitätsstiftendsten Institutionen der Region zählt. Aber es ist ein klares Verdikt gegen eine Weiterentwicklung des Zoos in Richtung eines Vergnügungs-Unternehmens, das Augenschmaus und „Jööö!“-Effekte bietet, bezüglich Bewusstseinsbildung aber weiterhin schonungsvoll an der Oberfläche bleibt.

Jetzt wurde der Zoo vom tatsächlichen Volksempfinden kalt erwischt. Der Souverän empfand das Ozeanium offensichtlich als jenes „Botox“, mit dem der BaZ-Chefredaktor fatalerweise für eine Zustimmung geworben hatte.

„Das im Plasticsack eingesperrte Fischlein
brachte die Nein-Botschaft auf den Punkt.“

Ausschlag gebend war weder der Standort noch die Wucht des Gebäudes, die zum Nein führte. Es war der weltweit zu beobachtende gesellschaftliche Wertewandel und die mit ihm einhergehende Solidarität mit der Tierwelt. Die interkontinentale Thematisierung der durch Pestizide bedrohten Bienen oder der Widerstand gegen aggressive Walfänge und Überfischung hätten ein deutliches Signal sein sollen. So attraktiv es äusserlich und innerlich gewesen sein mochte: Das Ozeanium war ein Projekt der Vergangenheit.

Mit dem im Plasticsack eingesperrten Fischlein haben die Gegner ihre Botschaft perfekt auf den Punkt und damit eine Grundstimmung in der Bevölkerung zum Ausdruck gebracht, die im Ozeanium nicht mehr die „Bildungs-Institution“ und die „Sensibilisierung“ erkennt, womit der Zolli-Direktor sein prestigeträchtiges Mammut-Projekt als neuen Publikums-Magneten schmackhaft machen wollte.

Nichts führt an der Feststellung vorbei, dass es der Zoo in den vergangenen zwanzig Jahren verpasst hat, seine Rolle als Frühwarn-Akteur der globalen Zerstörung von Lebensgrundlagen der maritimen Tier- und Pflanzenwelt neu zu definieren.

Weil kein „Plan B“ vorhanden ist, wird ein lernfähiger Zolli diese Rolle nun mit erhöhter Dringlichkeit wahrnehmen müssen, wenn seine Publikumszahlen nicht noch weiter schrumpfen sollen durch eine wachsende Zahl sich abwendender Zeitgenossen, denen das liebevolle Vorführen einer heilen Tierwelt nicht mehr genügt. Der optischen und emotionalen Attraktion der Basler Tier-Oase muss ein vermittelndes Pendant in Form eines Engagements zur Rettung und Bewahrung der Ökosysteme gegenüberstehen.

Das Nein zur „faszinierenden Unterwasserwelt“ (so der Zolli) weist in eine neue Denk- und Fühlrichtung, wie sie auch im Ja des Stimmvolks zu einem Neubau zum Ausdruck kommt, der das Naturhistorische Museum und das Staatsarchiv auf eine gemeinsame räumliche, konservatorische und wissenschaftliche Basis stellt.

Die Zustimmung des Souveräns ist insofern bemerkenswert, als weder Museum noch Staatsarchiv naturgegeben ultimative Vermarktungs-Qualitäten besitzen. Aber als Hüterinnen des historischen Gedächtnisses verdienen sie die jetzt entschiedene beträchtliche Investition in eine zeitgemässe Infrastruktur, die dem so gern betonten Anspruch Basels als Kultur- und Bildungsstadt entspricht.

Das Volk hat am Wochenende – auch wenn dies für die Ozeanium-Befürworter schmerzhaft sein mag – zwei Entscheide der Reife gefällt. Es entschied differenziert, indem es nicht – wie da und dort befürchtet – gleichzeitig mit dem Ozeanium dem neuen Hort des Wissens eine Abfuhr erteilte.

Die SVP, zu deren Kernkompetenz Museen und Archive noch nie gehört haben, lief mit ihrem Referendum ins Leere. Dass auch die Freisinnigen der forschungs- und bildungsfeindlichen Spur folgten („Lasst es doch, wie es ist!“), ist besonders bedauernswert.

19. Mai 2019

29-04-2019
von Rudolf Mohler
2 Kommentare

Ozeanium – oder von Wasser und Wein

Wer den Klimanotstand ausruft, kann nicht für so eine Energieschleuder wie ein Ozeanium sein. Da helfen auch alle Diskussionsbeiträge von umweltgerechtem Bauen und CO2-freier Anlage nichts. Ein Ozeanium ist ein Betrieb, der 24 Stunden am Tag, 7 Tage in der Woche und 365 oder 366 Tage im Jahr Unmengen von Energie benötigt. In so einem Betrieb müssen ständig Pumpen, Klimageräte, Wasseraufbereitungsanlagen, elektronische Steuerungen, Überwachungsanlagen usw. laufen. Und das nur zum Zweck, einige Meeresbewohner in einem Basler Käfig gefangen zu halten.

Es gibt viele Einrichtungen der 24-Stunden-Gesellschaft, die heutzutage lebensnotwendig sind und deshalb rund um die Uhr laufen müssen. Dazu zähle ich Spitäler, gewisse Transporteinrichtungen, Berufsfeuerwehren, Kläranlagen, Verkehrsüberwachungssysteme, Energieversorgungen u.v.a.m. Mir kann niemand weismachen, daß ein Ozeanium zu diesen Lebensnotwendigkeiten gehört. Ebenso wird kein Mensch in Basel und der weiteren Umgebung ohne Ozeanium plötzlich in lebensbedrohenden Umständen stecken.

Den mittelbaren Energiebedarf und die mittelbaren Umweltbelastungen haben wir damit noch gar nicht beleuchtet. Wie kommen denn die großen Besucherscharen, die man zur Rentabilität der Einrichtung benötigt, alle nach Basel? Zu Fuß? Wohl kaum. Und jetzt bitte nicht das Hohelied vom öV anstimmen! Denn morgen lesen wir wieder in der Zeitung, wie die SBB am Anschlag laufen. Auch die Beschaffung und Anlieferung der Meeresbewohner ist mit großem Energiebedarf verbunden, denn die wenigsten Arten können im Betrieb selbst nachgezüchtet werden und müssen somit zuerst als Wildfang aus den Meeren geholt und dann über verschiedene Stationen nach Basel gebracht werden. Und wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was engagierte Umweltschützer als Beschaffungsverlust bei den Lebewesen angeben, ist es immer noch schlimm genug, nur damit wir mitten im Kontinent und kurz vor den Alpen einige Arten von Meeresbewohnern ausstellen bzw. besichtigen können.

Wenn die Befürworter des Projekts sagen, das Ozeanium werde nur mit erneuerbaren Energien betrieben, dann machen sie halt einfach zwei Denkfehler. Denkfehler eins: Ein Ozeanium ist eine Einrichtung, die rund um die Uhr elektrische Energie benötigt. Diese kann man nicht allein aus erneuerbaren Energien beziehen, da braucht es Bandenergie, die noch auf Jahrzehnte aus herkömmlichen Kraftwerken geliefert werden muß. Denkfehler zwei: Ein Ozeanium wird, ganz unabhängig davon wie die Energie hergestellt wird, einen unglaublich großen Energiebedarf auslösen. Und jeder Mehrbedarf ist letztlich eine zusätzliche Belastung der Umwelt. Wenn es denn genügend CO2-freie Energie gäbe, mit der man ein Ozeanium betreiben könnte, so wäre es weit intelligenter, diese Energie für etwas einzusetzen, das eine Reduktion von fossiler Energie bringt! Dann wird noch einer obendrauf gesetzt: «Mit dem Ozeanium wird sogar CO2-Ausstoss eingespart, denn es sensibilisiert für den Schutz der Umwelt.» (Rosmarie Nebel, Website der Befürworter). Solche „Argumente“ werden liebend gern dann ausgepackt, wenn man zum vorneherein weiß, daß man nie den Nachweis erbringen muß. Ganz einfach deshalb, weil man diesen Nachweis gar nicht erbringen kann.

Jawohl, wer einen Beitrag zur Schonung der Um- oder Mitwelt und zur Reduktion des ökologischen Fußabdrucks ernsthaft für nötig erachtet, der muß auf ein Ozeanium verzichten  –  alles andere ist unehrlich.

Liebe Baslerinnen und Basler, ihr müßt konsequent werden. Allen andern Leuten erklären, sie müßten Wasser trinken, und selber schlürft man Wein, das geht einfach nicht.

Wer den Klimanotstand ausruft, kann nicht für ein Ozeanium sein.

Der Große Rat – also das baselstädtische Parlamenthat am 20. Februar 2019 mit 71 Ja gegen 17 Nein bei 6 Enthaltungen den Klimanotstand ausgerufen!