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Luther im Jubeljahr

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Am 31. Oktober 1517 soll der Augustinermönch Martin Luther seine 95 Thesen gegen das Ablaßunwesen der römischen Kirche an die Türe der Wittenberger Schloßkirche genagelt haben. Ob das genauso war, ist heute noch nicht geklärt. Aber gesichert ist, daß Luther am Vorabend von Allerheiligen 1517 seine Thesen in gedruckter Form veröffentlichte. Nach Auffassung der meisten Fachhistoriker hat sich Luther keine Vorstellung davon machen können, was für eine Lawine er lostritt. Schließlich wollte er ja nicht eine neue Kirche oder gar eine eigene Religion in die Welt bringen. Sein ursprüngliches Ziel war es, innerhalb der römischen Kirche grundsätzliche Reformen zu erreichen. Auch in andern Gegenden des Heiligen römischen Reichs deutscher Nation gärte es. So zum Beispiel am Zürichsee, wo sich der Toggenburger Priester Ulrich Zwingli auf einen ähnlichen Weg wie Luther begab.

Die verschiedenen Erneuerungsbestrebungen bekamen eine unglaubliche Dynamik und veränderten die religiöse, politische und kulturelle Landschaft in Europa nördlich der Alpen. Bereits im Jahr 1530 wurde in einem Reichstag in Augsburg die Confessio Augustana proklamiert, also ein evangelisches Bekenntnis. Hinter diesem Tempo standen natürlich nicht nur religiöse Motive. Es waren vor allem auch politische Ziele und Absichten von deutschen Fürsten und auch von den führenden Schichten in vielen Städten, die ein eigenes Stadtregiment kannten. Dazu zählten im Reich auch die eidgenössischen Städte Zürich, Basel, Bern, Schaffhausen und St. Gallen sowie etwas später noch Genf. Aber auch viele Städte im süddeutschen Raum, wobei ganz besonders Straßburg zu erwähnen ist.

In Deutschland wird das Lutherjahr ziemlich ausgiebig begangen. Das widerspiegelt sich in der umfangreichen Buchproduktion zu den Themen Luther und Reformation. Irgendwie bezeichnend finde ich, daß eine Vielzahl von Publikationen die Reformation auf Luther einkürzt und ganz wesentliche Vorgänge außerhalb Deutschlands wie wegblendet. Insbesondere wird der „schweizerische“ Beitrag zur Reformation in unzulässiger Weise übergangen. Die eigenständigen theologischen und kirchenorganisatorischen Positionen von Zwingli und etwas später von Calvin werden meistens nur gestreift oder gar weggelassen. Das, obwohl eigentlich die zwinglianisch-calvinische Reformation für die Verbreitung in der ganzen Welt eine weit größere Bedeutung erlangt hat, als das ganze Luthertum. Von diesen erwähnten Publikationen habe ich eine größere Zahl gelesen und gestatte mir deshalb eine Empfehlung.

Der deutsche Theologe und Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann, 1962, promovierte in Göttingen mit einer theologischen Dissertation. Anschließend habilitierte er sich als Kirchenhistoriker. 1996 wurde er Professor für Kirchengeschichte an der Universität in München. Im Jahre 2000 folgte er seinem Lehrer Moeller nach und übernahm den Lehrstuhl für Kirchengeschichte an der Universität in Göttingen. Rechtzeitig zum Luther- und Reformationsjubeljahr legte er eine umfangreiche Arbeit unter dem Titel «Erlöste und Verdammte» vor. In einem großen Bogen zeichnet er die ganze Geschichte der Reformation nach. Er geht zunächst den Vorbedingungen Ende des 15. Jahrhunderts nach, entwickelt dann das ganze Geschehen, das man später mit Luthers Thesen im Jahr 1517 beginnen läßt und mit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 begrenzt. Damit hat es aber nicht sein Bewenden. Kaufmann blickt in das ganze europäische Umfeld und die reformatorischen und gegenreformatorischen Entwicklungen, insbesondere auch mit Zwingli und Calvin. Zudem zeigt er auf, wie die Reformation in den folgenden Zeiten wahrgenommen wurde. Dabei führt er bis ans Ende des 20. Jahrhunderts.

Besonders wertvoll ist die Tatsache, daß Kaufmann sich nicht mit einer rein kirchengeschichtlichen Darstellung begnügt. Er bettet die ganze Reformation in die politischen und kulturellen Geschehnisse der jeweiligen Zeitabschnitte. Die reiche und gut ausgewählte Bebilderung, ein umfangreicher Quellenapparat und eine präzise Zeittafel sind wertvolle Ergänzungen.

Wer sich mit dem komplexen Epochenbruch und seinen tiefgreifenden Auswirkungen bis in unsere Tage befassen will, ist sehr gut bedient mit dem Werk «Erlöste und Verdammte» von Thomas Kaufmann.

 

Luther als Hercules Germanicus

 

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