Der angefügte Artikel des Bluewin-Portals zum Entscheid des EU-Parlaments bezüglich Abschaffung der Sommerzeit ist aus besonderen Gründen lesenswert.
Es geht mir dabei nicht um die Zeitumstellung an sich. Aber der ganze Vorgang ist ein Schulbeispiel dafür, wo die Macht in der EU wirklich angesiedelt ist. Es ist auch ein Schulbeispiel dafür, daß die oft lautstarke EU-Kommission – auch in diesem Geschäft war sie lautstark – gar nicht wirklich führen kann. Und noch eindrücklicher ist das Beispiel für die reale Macht des EU-Parlaments. Die haben sozusagen gar nichts zu sagen… aber dürfen für enorm viel Geld natürlich doch noch alles dazu sagen.
Was ich hingegen bedenklich finde, ist die Pseudodemokratie, die hier zelebriert wird. Und das Bluewin-Portal macht mit diesem Text
„Bei einer EU-weiten Umfrage mit enormer Beteiligung hatten sich 84 Prozent der 4,6 Millionen Teilnehmer für ein Ende des Hin und Hers ausgesprochen. Allein rund drei Millionen der Befragten kamen aus Deutschland.“
noch mit.
Fakten sind:
• Die EU hat rund 513 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Davon sind 4,6 Millionen gerade einmal0,90 %. Von diesen 4,6 Millionen Beteiligten kamen rund 3 Millionen aus Deutschland. • Zieht man von der Gesamtmenge an EU-Einwohnern die 81,4 Millionen aus Deutschland ab, dann stehen den verbleibenden 431,6 Millionen Einwohnern 1,6 Millionen gegenüber, die an der Umfrage teilgenommen haben, was dann einen Anteil von 0,37 % ausmacht. • Angeblich haben sich 84 % in der Umfrage für die Abschaffung der Sommerzeit ausgesprochen: • Das ergibt in der rein deutschen Betrachtung einen Bevölkerungsanteil von3,10 %, der sich für die Abschaffung ausgesprochen hat. • In der Gesamt-EU-Betrachtung sinkt dieser Anteil auf0,75 %der Bevölkerung. • Betrachtet man alle EU-Länder ausgenommen Deutschland bleiben dann noch 0,31 %der Bevölkerung, die sich für die Abschaffung der Sommerzeit ausgesprochen haben.
• Und das wird dann als überwältigende Zustimmung ausgegeben!
So geht Demokratie in der EU!
Und wenn es um wichtige Dinge geht, dann hat das Volk schon gar nichts zu sagen. Und die immerhin irgendwie gewählte Volksvertretung in Form des EU-Parlaments auch nicht.
Phantastische Perspektive für die Schweiz und ihre Demokratie!
Das Jahr 2018 bildete die Einladung für viele Autoren, sich mit einer Arbeit zum Dreißigjährigen Krieg zu präsentieren. Georg Schmidt, Historiker an der Universität Jena, legte ein bemerkenswertes, umfassendes Werk vor. (Angaben zum Autor siehe unten.)
Im Jahre 1618 trieb eine längere, schwere Auseinandersetzung zwischen dem böhmischen Adel und dem habsburgischen Kaiser einem Höhepunkt zu. Die lokalen Adligen fürchteten den Verlust ihres evangelischen Glaubens, ihrer Privilegien und ihrer nationalen Autonomie. Am 23. Mai 1618 wurden die habsburgischen Statthalter Graf Wilhelm Slawata und Graf Jaroslaw Martinitz samt dem Sekretär Philipp Platter nach einem heftigen Streit auf dem Prager Hradschin von den adligen Protestanten kurzerhand aus dem Fenster in die Tiefe gestürzt, der Prager Fenstersturz – um genau zu sein, der zweite Prager Fenstersturz.
Dieses Ereignis gilt als Beginn des Dreißigjährigen Krieges, der verheerende Folgen für ganz Deutschland, Böhmen und auch angrenzende Gebiete (Sundgau, Elsaß, Lothringen und weitere) brachte. In der allgemeinen Geschichtsschreibung wird die Unterzeichnung des Westfälischen Friedens in Münster am 24. Oktober 1648 als Beendigung des langen Krieges gewertet. Das, obwohl es noch verschiedene Nachzügler-Auseinandersetzungen bis ins Jahr 1652 gab. Der Westfälische Frieden, der zur Hauptsache in Osnabrück über mehr als vier Jahre ausgehandelt wurde, brachte viele Neuregelungen für das mittlere Europa. Unter anderem kamen das Elsaß, Lothringen und der Sundgau zur französischen Krone. Der Sundgau gehörte damals noch nicht zum Elsaß.
Vor allem die deutsche Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts stilisierte den Dreißigjährigen Krieg zur großen konfessionellen Auseinandersetzung, die hundert Jahre nach der Reformation ausgetragen wurde. Man benutzte dieses Narrativ als Blaupause für eine preußische Mission zur Gründung des deutschen Nationalstaates.
Schmidt zeigt in seinem umfassenden Werk, daß der Dreißigjährige Krieg wesentlich andere Antriebe und Zielsetzungen hatte. Die konfessionelle Auseinandersetzung war auf der ganzen Strecke ein stets präsentes Element, aber es war nicht der entscheidende Grund. Schmidt sieht den Krieg auf vier unterschiedlichen Ebenen, die sich aber immer wieder gegenseitig stark beeinflußten.
• Hauptantrieb war der habsburgische Wille, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, dem sie zumeist als Kaiser vorstanden, in einen universalmonarchischen Staat zu verwandeln.
• Eine zweite Ebene war der Widerstand der Reichsfürsten, die ihre Freiheiten und ihre Autonomien nicht abgeben wollten. Sie wollten ihre Rolle im Reichs-Staat – wie Schmidt das staatliche Konstrukt zu bezeichnen pflegt – unbedingt behalten. Dazu gehörte auch und vor allem das Wahlrecht der Kurfürsten, jedesmal nach dem Tod eines Kaisers den Nachfolger zu wählen, zu erküren.
• Eine dritte Ebene des langen Krieges war rein machtpolitischer Art. So wollten verschiedene Reichsfürsten, z.B. die bayerischen Herzöge oder hessische Landgrafen ihren Herrschaftsbereich zu Lasten anderer ausdehnen. Auch der in seiner Bedeutung alles überragende kaiserliche HeerführerWallenstein verfolgte neben her auch noch ganz eigene Interessen. Bis in unsere Tage gibt es eine Reminiszenz an diese machtpolitischen Aspekte des Dreißigjährigen Krieges; es ist der bayerische Regierungsbezirk Oberpfalz, den wir heute als völlig zusammenhangslos zur rheinischen Pfalz wahrnehmen.
• Die vierte Ebene ist die Einmischung von andern Königreichen in die Auseinandersetzungen, die sich schwergewichtig innerhalb des römisch-deutschen Reiches abspielten. Zu diesen Einmischern gehört zuvorderst der schwedische König Gustav II. Adolf. Er wurde in diesem Krieg vor allem als derlutherische Vorkämpfer zu einem protestantischen Deutschland gesehen. Schmidt zeigt, daß der Wasa-König und sein Kanzler Oxenstierna zuallererst ein schwedisches Reich rund um die Ostsee im Auge hatten. Doch der Dreißigjährige Krieg zeigte so abenteuerliche Verläufe, daß sogar der Sundgau, und damit auch Oberwil, von schwedischen Truppen heimgesucht wurden. Auch der dänische König mischte sich – mehr oder weniger erfolgreich – ein. Das spanisch-habsburgische Königreich stand mit seiner Armee sogar in den Niederlanden. Die größte Besonderheit lieferte jedoch das erzkatholische Frankreich, dessen Politik von KardinalRichelieu gestaltet wurde. Den hohen Prälaten und Kanzler der französischen Krone interessierten konfessionelle Themen kaum. Er verfolgte machtpolitische Ziele. Zu denen gehörte die Ausdehnung des französischen Königreiches ins Elsaß, nach Lothringen und bis zum Rhein. Genauso wichtig war ihm die Verhinderung einer habsburgisch-katholischen Universalmonarchie im bisherigen deutschen Reich. Und das wohl nicht zuletzt, weil er eine Umzingelung durch die österreichischen und die spanischen Habsburger fürchtete. In der Verfolgung seiner Ziele war ihm fast jedes Mittel recht, auf jeden Fall immer die politische und militärische Unterstützung der lutherischen und der reformierten Fürsten in den deutschen Reichsständen.
Der Westfälische Frieden hatte für die schweizerische Eidgenossenschaft einen besonderen Nebeneffekt. Der Basler Bürgermeister Johann Rudolf Wettstein erreichte auf dem Friedenskongreß die Loslösung der Eidgenossenschaft vom Reich. Aus meiner Sicht ist sicher dieses Ereignis der richtige Zeitpunkt, um den Beginn einer souveränen Schweiz und ihrer Neutralität anzusetzen.
Das Werk von Georg Schmidt ist sehr umfassend und mit der ungeheuren Menge und Dichte an fachlichen Informationen nicht ganz leichte Kost. Deshalb vermißt man bei dieser gründlichen und überzeugenden Darstellung des Dreißigjährigen Krieges manchmal Erläuterungen zu Fachausdrücken, die selbst andern Historikern nicht gerade geläufig sein dürften. Und im gleichen Sinne ist es ein gewisser Mangel, daß das Werk zwar ein gutes Personen- aber leider kein Sachregister aufweist – im Computerzeitalter nicht ganz verständlich.
Georg Schmidt; 22.12.1951 in Alsfeld/Hessen; Prof. Dr. phil. I
Professor für Geschichte der frühen Neuzeit an der Universität Jena mit dem Forschungsschwerpunkt Sozial- und vor allem Verfassungsgeschichte des frühneuzeitlichen Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation.
Ich meinem langen Berufsleben und in andern, ähnlichen Betätigungsfeldern habe ich bezüglich den ungeschriebenen Regeln über den Umgang per Du oder per Sie etwa alles erlebt, was man sich denken kann. In spezifischen Zusammenhängen war auch das standardisierte Duzen dabei, das in diesen jeweiligen Zusammenhängen gut und richtig war und heute noch ist. So ist es beispielsweise unter Feuerwehrleuten völlig normal, daß sich alle duzen. Auch im Curling ist es weltweit so, daß man per Du verkehrt. In andern Sportarten und Freizeitbetätigungen ist es zum Teil auch so.
Daraus habe ich gelernt, daß man den Du-Umgang immer beibehalten sollte, wenn man aus einer solchen Gruppe heraus eben per Du ist. Alles andere wirkt künstlich und oft auch etwas unehrlich.
Aber das von oben verordnete Duzenvom CEO bis zum Stift ist Pseudopflege von „moderner“ Betriebskultur – mehr nicht. Einfach Du sagen, bewirkt noch nicht die geringste Änderung in der Wahrnehmung und in der Wertschätzung. Vor allem enthebt es in gegebenen Situationen nicht einfach von Kritik. Gerade deswegen habe ich viele Situationen erlebt, in denen recht großer Frust, ja sogar handfester Krach entstanden ist, weil Leute einfach annehmen, daß mit dem Du Hierarchien, Verantwortungen und gesittete Umgangsformen abgeschafft seien. Diese Beobachtung habe ich in beiden Richtungen, also von unten gegen oben, wie auch von oben gegen unten, gemacht.
Als Kunde will ich ohnehin nicht einfach geduzt werden. Das sind ja in aller Regel erste und oft auch einzige Kontakte, bei denen ich mir keine solche „Nähe“ aufzwingen lassen will.
Und schließlich möchte ich auch meine Autonomie behalten, mit wem ich auf welcher Distanz verkehre. Das wäre mir mit Du an sich immer noch möglich, aber die Gegenseite respektiert das sehr oft dann einfach nicht mehr.
Zudem taucht hier auch ein Englisch-Irrtum auf. Sehr viele Leute aus dem deutschen Sprachraum denken, daß das im Englischen doch so einfach sei, wo alle mit you angesprochen werden. So einfach ist es eben nicht, denn gerade im Englischen gibt es sehr feine Abstufungen anderer Art, die erkennen lassen, ob man mit jemandem auf einen korrekten Sie-Umgang eingestellt ist oder ob man miteinander im vertrauten Du verkehrt.
Lassen wir es doch beim Bewährten: Wir entscheiden alle selbst und im Umgang mit dem Gegenüber, ob wir uns duzen oder siezen.
In seinem Wochenkommentar Die Datenimker vom 08.02.2019 zeigt Matthias Zehnder in einer sehr verständlichen Weise, wie Werbung und Medien zusammenhängen. Es gelingt ihm, diese Zusammenhänge präzise darzustellen, sodaß es alle verstehen. Man hat viel vom Artikel, gerade wenn man weder Informatiker noch Werbefachfrau ist. Er zeichnet auch in ein paar guten Strichen den Weg nach, den die Sache im letzten Vierteljahrhundert zurückgelegt hatte.
Allerdings mit den „Rezepten“gegen die Entwicklungen bei Facebook & Co. habe ich einige Mühe. Zunächst scheint mir das deutsche Bundeskartellamt etwas übersehen zu haben. Das Gegenteil von „gut“ ist sehr oft nicht „schlecht“ sondern „gut gemeint“. Auch die Forderung nach Datentransparenz scheint mir blauäugig zu sein. Wer soll denn von den Plattformbetreibern auch nur das geringste Interesse an Datentransparenz haben? Und wenn es so liegt, wie sollte man so etwas durchsetzen können? Die Forderung nach „Gewinnbeteiligung“ der honigliefernden Bienchen ist da weit origineller. Aber auch hier stellen sich zwei ähnliche Fragen. Wo soll denn das Interesse der Systemanbieter sein, ihren Gewinn zu teilen? Und auf welchem Weg und mit welchen richtigen Argumenten soll man denn so etwas durchsetzen?
Für mich gibt es nur zwei mögliche Antworten. Die erste hat allerdings noch kein erfolgreiches Projekt zu verzeichnen und die zweite hieße Selbstbeschränkung: Konkurrenzangebote zu Facebook und seinen Anhängseln oder dann ein Leben ohne Facebook, Instagram, WhatsApp. Übrigens, man könnte sehr wohl ohne diese modernen Spielzeuge leben.
Mit besten Grüßen von einem Bienchen, das aber zunehmend selektiver Honig abgibt.
„Gute Nachricht: Die kulinarische Katastrophenstimmung hat sich überlebt.“
So leitet der französische Gastrojournalist Hugo de Saint Phalle sein Lob auf die Rückkehr von rustikalen, aber eben exzellenten Gerichten ein. Er konzentriert sich in der Wochenendausgabe von Le Figaro vom 21. Dezember 2018 ganz auf eine neue Erscheinung: Die Jungen in der gehobenen Gastronomie entdecken wieder alte Klassiker. Seien es die Produkte aus der Charcuterie, seien es Gerichte, bei denen sich die Sauce wieder über das Fleischstück wölben darf. Man entdeckt wieder die Finessen der Kalbsmilke, es gibt wieder eine Blanquette de veau, also Kalbfleisch in weißer Sauce, man serviert wieder Terrinen.
Und diese gute Nachricht bezieht sich auf Guide-Michelin-besternte und Gault-Millau-bepunktete Häuser, bei denen junge Chefs die Küchenbrigaden führen. Und was Hugo de Saint Phalle besonders heraushebt, sind die großen Pâté en croûte, Höhepunkte der französischen Gastronomie. Überall, schreibt er, läßt man diese recettes patrimoniales aufleben, diese rustikalen, aber auch behaglichen Gerichte, denen man gerne zuspricht und auch kulinarische Erinnerungen damit wecken kann.
Selbst der Pâté en croûteL′Oreiller de la Belle Aurore, der auf den Gastrosophen Jean-Anthelme Brillat-Savarin (1755 – 1826) zurückgeführt werden kann, wird wieder neu entdeckt. Das dürfte wohl der aufwendigste Pâté en croûte sein und eignet sich am besten, wenn man viele Gäste bedienen darf.
Verführerisch ist auch das Bild (siehe ganz oben), das den Figaro-Artikel großformatig begleitet. Es zeigt ein pâté en croûte von Karen Torosyan im Buch La Confrérie du pâte-croûte, Les Meilleurs recettes du championat du monde. Bon appétit!
Unvergesslich für mich ist der Pâté en croûte Alexandre Dumaine, den wir mehrere Male bei Jean Ducloux, Cuisiner à Tournus, wie er sich selber nannte, genießen konnten. Ducloux arbeitete Mitte der 30er Jahre als ganz junger Koch bei Dumaine in Saulieu, von wo er auch das Rezept herhatte. Dumaine war zwischen den beiden Weltkriegen die Spitzenpersönlichkeit unter den französischen Köchen. Sein Pâté en croûte war von einer unglaublichen Raffinesse.
Um diese Rückkehr zu fast vergessenen, großartigen Gerichten der französischen Küche ausgiebig zu preisen, durfte der Autor im Le Figaro eine ganze Seite gestalten. Eine Genußseite für den Gourmet. Mir bleibt nur zu hoffen, daß der zitierte Mitbegründer der Weltmeisterschaft in Sachen Pâté en croûte, Gilles Demange, auf längere Dauer rechtbekommt:
„Le pâté en croûte renaît de ses cendres tel le phénix.“ „Die Blätterteigpastete erhebt sich wie ein Phönix aus der Asche.“
Unter diesem provozierenden Titel bringt die NZZ vom 17. Juli 2018 eine Art Abschiedsartikel vom langjährigen Auslandskorrespondenten Nikos Tzermias, in dem er darüber berichtet, wie im zentralistischen Frankreich Provinzstädte zunehmend abgehängt werden. Er wählte das Beispiel von Limoges, das im grünen Herzen des Landes, dem Limousin, liegt. Die schwierige Situation der französischen Porzellanstadt wurde von der NZZ im Internet auch unter Limoges kämpft gegen Abwanderung und Abstieg publiziert.
Seit Jahrzehnten bereisen wir jährlich – meist mehrmals – Frankreich. Ein traumhaft schönes und vielfältiges Land. Dazu befasse ich mich laufend mit unserem Nachbarland, seiner Politik und seinen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen. Leider beschreibt der NZZ-Artikel nur allzu treffend die derzeitige Situation in Frankreich. Wir waren Ende Mai wieder einmal in Limoges und im Limousin. Unser Eindruck deckt sich vollständig mit dem im Artikel.
Die Schaffung von Großregionen in Frankreich, die auf Anfang 2016 in Kraft trat, wurde von einem der Hauptbetreiber, dem damaligen Präsidenten François Hollande, als neuer Schritt in die Dezentralisierung gefeiert. Doch das war aus einer Außensicht nichts anderes als reine Augenwischerei. Ein Euphemismus sondergleichen. Es war schon vor der Inkraftsetzung erkennbar, daß der ganze Vorgang schlicht eine weitere Zentralisierung Frankreichs einleitete.
Vermutlich waren die Elsässer die einzigen, die das sofort begriffen hatten. Ihnen drückte man die Großregion Grande-Est aufs Auge. Die Abschaffung der Region Alsace konnte man auch nicht überkleistern mit dem Entscheid, Straßburg als Hauptstadt der neue Region zu bestimmen. Die Elsässer merkten, daß man hier auf ihr Geld zielt, versuchen will, einige historisch bedingte und gesicherte Rechtslegungen abzuschaffen und auch die große eigene Kultur weiter zu französisieren. Doch die Elsässer blieben mit ihrer Opposition chancenlos.
Oft schon hatte ich Gelegenheit, mit Franzosen solche Fragen zu diskutieren. Immer wieder stelle ich fest: Die wenigsten unserer Nachbarn können sich einen dezentralisierten Staat vorstellen, einen föderalen schon gar nicht. Für ein wachsendes Europa ist das keine gute Perspektive, denn je größer das Gesamtgebilde, desto dringlicher ist das Subsidiaritätsprinzip.
Was wir daraus lernen sollten, ist ein konstruktives Mißtrauen gegenüber den „Berufszentralisierern“ in Bundesbern.