Die direkte Ansprache per Du von Leuten, die man im Leben noch nie gesehen hat oder die man nur ganz oberflächlich kennt, mag ich nicht. Für mich ist diese stillose Duzerei zunächst eine Unhöflichkeit. Es ist derzeit sehr viel davon die Rede, man müsse dem Gegenüber respektvoll begegnen. Sehr gut, das finde ich absolut richtig. Doch wer Respekt bekunden will, beginnt mit Höflichkeit. Und wer einfach mit Duzen loslegt, dem fehlt etwas Elementares in Sachen Höflichkeit: Duzen ist eine Umgangsform, die der Zustimmung beider Personen bedarf. Wer das nicht berücksichtigt, handelt unhöflich und bringt dem Gegenüber nicht einmal soviel Respekt entgegen, daß es auch seine Sache wäre, ob man per Sie oder per Du verkehren möchte.
Stellt man das klar, dann hört man oft, das sei im Englischen so üblich und deshalb könne man es auch im Deutschen so halten. Wer so argumentiert, ist eigentlich arm dran, denn er legt bloß, daß er von der englischen Sprache wenig versteht, selbst wenn er recht gut Englisch spricht – gilt auch für Damen. Ja, es ist richtig, daß im Englischen das Anredepronomen in der Einzahl (Singular) und in der Mehrzahl (Plural) gleich ist, nämlich you. Doch so simpel, wie es scheint, ist es eben gar nicht.
Im Englischen steckt die sprachliche Höflichkeit nicht im Pronomen. Ob man mit jemandem auf der Du-Ebene oder auf der Sie-Ebene verkehrt, manifestiert sich in einer differenzierteren Sprachwahl als üblicherweise im Deutschen. So gibt es ganz eindeutige Anrederegeln, aus denen sofort klar wird, wie man zueinander steht, ob auf dem Du- oder dem Sie-Niveau. Als Beispiel möge genügen: «Hey, can you keep it for me?» tönt doch reichlich anders als «Sir, please, may you keep it for me?». Zweimal das Pronomen you und zweimal ein ganz anderer Personenbezug! Zudem gibt es Wörter und Wendungen, die man nur dann verwenden kann, wenn man auf dem Du-Niveau verkehrt, für alle anderen Leute hat man aus Höflichkeit andere Sprachformen zu wählen.
Was die meisten dieser „You-Argumentierer“, die sich natürlich für besonders modern, clever und fortschrittlich halten, wohl gar nicht wissen, ist folgendes: Das englische you steht grammatikalisch und sprachgeschichtlich viel näher bei der 2. Person Plural als bei der 2. Person Singular. Somit viel näher beim deutschen Ihr oder beim französischen vous. Denn sprachgeschichtlich kommt das you vom altenglischen eow her, das dem heutigen deutschen Ihr entsprach. Das eigentliche Pronomen für die 2. Person Singular heißt englisch thou, zu deutsch Du. Es existiert heute noch. Und nicht nur in liturgischen oder zeremoniellen Texten; es gibt englische Dialekte, in denen es noch gesprochen wird. Zeitlich weit zurück und parallel zur Entwicklung in der deutschen und in der französischen Sprache war das Pronomen you für die 2. Person Plural ein Zeichen des Respekts gegenüber hochgestellten Persönlichkeiten und hatte eine sprachliche Entsprechung im «königlichen Wir», dem Pluralis Majestatis. Erst nach und nach wurde es zur Anredeform gegenüber Vorgesetzten, später Gleichgestellten und dann auch Fremden, bis es gegen Ende des 16. Jahrhunderts die übliche englische Anrede wurde. Im Deutschen verschob sich die Höflichkeitsform ab Ende des 17. Jahrhunderts von der 2. Person Plural, also vom Ihr zum Sie, der 3. Person Plural, jedoch immer mit großem S geschrieben. Ganz untergegangen ist Ihr nicht, es gilt nach wie vor als zulässige Anrede. In einigen Schweizer Dialekten und auch im Moselfränkisch, das in Luxemburg gesprochen wird, ist es heute noch die übliche Höflichkeitsform.
Von allgemeinem Duzen im Englischen kann also nicht die Rede sein. Das englische you ist zuallererst die höfliche Anrede, die dem deutschen Sie oder dem französischen vous entspricht.
Sie haben Mühe damit? Sie siezen nicht gerne?
Bitteschön, Sie dürfen mich gerne «ihrzen».
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